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Doppelte Freude.

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Winkende Hände, strahlende Gesichter und glänzende Augen begrüßen uns, als wir am frühen Nachmittag auf die kleine Bar hoch oben im ligurischen Bergdorf zurollen. Plastikstühle klappern zurück, um die blumengeschmückte Terrasse für eine umgehende Begutachtung und Diskussion der auf eine kurze Espressopause abgestellten Fahrzeuge zu verlassen. Kameras werden gezückt, schwarzgelockte Kleinkinder zu Erinnerungszwecken in den Tiefen des Fahrersitzes versenkt und unverzüglich mit Mamas Handy verpixelt, während die schwere väterliche Hand anerkennend den gesamten Schulterbereich des Super 7 Fahrers abklopft. Complimento!

Ein Bild der Freude, das Fremd- und Eingeborene für einen herzlichen Moment miteinander verbindet. Momente, die ein Super 7 scheinbar mühelos aneinander zu reihen vermag.

Ich werfe, wenn es nicht speziell um den Caterham geht, im folgenden die Bezeichnungen Super 7 und Seven wild durcheinander. Natürlich ist mir bewusst, dass der eine die originale Kopie des Originals ist und die anderen Kopien dieser Kopie sind. Aber da alle dem gleichen Konzept huldigen und alle ihren Besitzern jede Menge Freude machen, darf mir das an dieser Stelle herzlich egal sein.

Sowohl einem inneren Zwang als auch dem Ruf der Berge folgend hatte ich mich mal wieder in den kleinen Offenen gezwängt und, begleitet von Irmscher-7-Freund Jürgen, hurtig ins Kurvenreich der ligurischen Seealpen begeben. Diesmal hielt ich sieben heisse Maitage lang das handtellergrosse Lenkrad eines in unschuldiges Weiss gewandeten Caterham Superlight R 300 in den Händen, leihweise zur Verfügung gestellt von dem ebenso freundlichen wie kompetenten Caterham-Händler-Ehepaar Rita und Gunther Schleyer von CCK in Kempten.

Um es gleich vorwegzunehmen: Mit einer Leistung von 175 PS aus einem 2-Liter-Ford-Saugmotor lassen sich Fans schwergewichtiger Längsdynamiker nicht sonderlich beeindrucken. Nicht in der Theorie, und schon gar nicht am Stammtisch. Doch was man mit 175 PS in der Praxis alles anstellen kann, wenn man sie mit einem Leergewicht von 515 kg (weniger als ein austrainierter Vollblüter wiegt), kurz übersetztem 6-Gang-Manual-Getriebe und dem Spieltrieb eines im Rennsport perfektionierten Fahrwerks kombiniert, muss man einfach erlebt haben. Ich betone: muss, obwohl es mir hier sicherlich an der -nicht immmer nötigen- Objektivität mangelt.

Mit dem Leistungsgewicht einer Dodge Viper, das unter der Aluminium-Motorhaube lauert, lassen sich die bekannten Trägheitskräfte in Nullkommanichts aufheben; einschließlich der des Fahrers. Die Füsse, durch engstehende Pedale in ungewohnte Nähe gerückt, tanzen Step, Hände und Arme und zucken um Lenkrad und Schaltknüppelchen herum, jede einzelne Nervenzelle wird unverzüglich in den Prozess des Steuerns eingebunden und feuert selbst dann noch fröhlich aus allen Synapsen, wenn der Seven schon längst wieder auf dem Parkplatz steht.

Ein intensives Erlebnis wie dieses kennt natürlich auch Grenzen. Aber es sind nicht seine Grenzen, an die dich ein Super 7 führt, sondern deine. Ein Seven schult, macht einen besseren Fahrer aus dir. Deshalb gibt es auch keine Entschuldigungen, wenn du den perfekten Kurvenradius verlässt, nur Erklärungen. Aber diesseits der Grenzen, die ein Super 7 freundlicherweise sehr weit steckt, existitert nur eins: pure Freude. Allein dafür muss man ihn lieben, den Seven.

Auch die Strasse liebt den Seven. So sehr, dass sie seine Reifen am liebsten nie wieder loslassen möchte, was das Fahrerherz in jeder Kurve freudig hüpfend zur Kenntnis nimmt. Vor allem, wenn es sich um die Kurven landschaftlich reizvoller, wenig befahrener Pass- und Landstrassen zweiter und dritter Ordnung handelt.

Noch besser, wenn sich diese Strassen nicht nur durch Ligurien, sondern auch durchs und ums Piemont herum schlängeln. Denn um dem schnellen Fahren einen langsamen Genuss entgegen zu setzen, empfehle ich die Mitnahme des neuesten Slow-Food-Guides. So lässt sich die Freude an italienischen Kurven auf angenehmste mit der Freude an italienischer Küche verbinden. Motto: Fast car, slow food.

Nicht nur beim Essen gilt, dass aus geteilter Freude doppelte Freude wird. Es macht mir immer wieder viel Vergnügen zu sehen, wie viel Vergnügen ich anderen Menschen mit dem Anblick eines Seven bereite. Aber warum gerade mit ihm und nicht -sagen wir mal- mit dem brandneuen süddeutschen Oberklasse-Cabriolet, mit dem ich im vergangenen Jahr in Italien unterwegs war?

Zunächst einmal liegt es daran, dass der kleine Seven nicht als grosser Luxus wahrgenommen wird. In Wirklichkeit ist er ein größerer Luxus als das vorher erwähnte Oberklasse-Cabrio, denn darin kann man wenigstens zu zweit und mit ausreichend Gepäck an Bord verreisen. Oder mal eben schnell drei Kinder zur Schule bringen. Ein Luxus ist der Seven auch deshalb, weil man ihn eigentlich überhaupt nicht braucht. Außer natürlich, man möchte sich selbst mal wieder als Fahrer und das Fahren als Erlebnis und nicht als Gefahrenwerden spüren. Auch das ein Luxus, heutzutage.

Ein weiterer Gedanke: Weil sich die Form eines Seven ausschließlich aus seiner Funktion ableitet, transportiert er den Spaß, den man mit ihm haben kann, ungefiltert nach außen. Ein Spaß, an dem auch der Betrachter teilhat. Zwar nur virtuell, aber im Herzen dennoch spürbar.

Zudem macht ein Seven mit seiner etwas abenteuerlichen Optik statusbetonenden Automobilen keine Konkurrenz, was das Urteil ihrer Besitzer objektivieren hilft. Auch sie haben als Folge kein Problem, im Vorbeifahren lächelnd die Hand zu hebn.

Darüber hinaus ist der Seven ein Kleinwagen, er passt daher ins automobile Kindchen-Schema und wird eher als niedlich denn als bedrohend wahrgenommen. Wenn man wollte, könnte man sogar auf ihn herab schauen, während der teure Sportwagen verlangt, dass man doch bitte zu ihm und seinem Besitzer aufschauen möge. Auch deshalb kommt beim Betrachter eines Seven eher reine Freude statt blanker Neid auf.

Und klar, wie viele andere Seven-Piloten fahre ich fast immer offen, also sehr, sehr offen. Wenn es regnet, drücke, zerre, schiebe und knüpfe ich nicht das beiliegende Zeltdach über den Überrollbügel, sondern ziehe mir nur kurz die Kapuze meiner Regenjacke über den Kopf. Dieses ständige Offen-sein macht eine Annäherung an mich und mein Fahrzeug ebenfalls leicht, denn ich ziehe mich nicht unter ein Stahldach zurück und mache mich damit weitgehend unzugänglich, sondern bleibe in stetem Kontakt mit meiner Umwelt.

Sich derart ungeschützt dem Sturm der Elemente auszusetzen, erklärt der in diesen Fragen stets offene Seven, ist nichts für nackengefönte Warmluftduscher, und auch das vermag bei den Mitmenschen Neid durch Respekt zu ersetzen. Apropos Respekt: Bislang ist der Seven das einzige Automobil, in dem ich auch von Motorradfahrern gegrüßt werde. Ich grüße zurück.

Ein Letztes. Man sieht einem Super 7 an, das sein Konzept den späten Fünfzigern entstammt, und sicherlich ist auch das ein Grund, warum ihm so viele Leute zuwinken: Sie grüssen die vermeintlich gute alte Zeit.

Aber was man fährt, wenn man einen Seven fährt, ist nicht die Vergangenheit. Sondern man fährt ein Fahrzeug, das die Geschichte des Automobils in Kontext zu seiner Zukunft zu setzen vermag.

Einfach, weil es Freude macht.