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Moderne Zeiten.

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Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Vor wenigen Tagen hatte ich die Gelegenheit, mir einen Vortrag zum Thema Mobilität der Zukunft anzuhören. Zentrale, wenn auch leicht überspitzte These war das absehbare Ende der individuellen Motorisierung, die Prof. Stephan Rammler als Leiter des Instituts für Transportation Design zur Diskussion stellte. Mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten, muss dazu gesagt werden.

Alles, was meine Freiheit als begeisterter automobiler Individualverkehrer bedroht, stößt zunächst auf heftige Gegenwehr. Aus den tiefsten, von düsterem Pessimismus besetzten Windungen meines Gehirns lösen sich sofort rabenschwarze Gedanken, die mit dem Schlachtruf „Verzicht! Verzicht!“ wie eine Horde apokalyptischer Reiter über meinen Zukunftsoptimismus herfallen. Doch unverzüglich regt sich Widerstand. Dass der Privatbesitz eines Fahrzeugs in nicht allzu fernen Tagen Geschichte sein soll, das wollen wir doch erst mal erleben. Oder besser: nicht.

Doch dann fiel mir auf, ich erlebe es bereits.

Es fing damit an, dass ich im letzten Jahrzehnt des letzten Jahrtausends in London gearbeitet habe. Mitten in London. Büro, Freunde, Restaurants, Clubs, Kinos, Galerien, Shops, Konzerte - alles fand sich unmittelbar draußen vor der Tür. Was ich nicht zu Fuß erreichen konnte, ging mit der U-Bahn. Oder mit dem Taxi. Oder dem Bus. Ein eigenes Auto? In Soho? Wozu? Und außerdem: wo parken?

Mittlerweile versinkt London schon wieder im Nebel meiner persönlichen Geschichte, doch geändert hat sich mobilitätsbezogen in den vergangenen Jahren: nichts. Noch immer lebe ich mitten in einer Metropole, diesmal in einer deutschen, und noch immer besitze ich kein eigenes Auto.

Trotzdem kommen spielend etliche zehntausend Autokilometer im Jahr zusammen, weil ich nach wie vor ebenso oft wie gerne hinterm Steuer sitze. Nur eben nicht mehr hinter meinem eigenen.

Meist bewege ich mich in diversen Mietwagen durchs Leben. Sie besitzen den großen Vorteil, dass man sich im winterlichen Lappland für einen tiefschneetauglichen Allradler und im sonnigen Italien für ein fröhliches Cabrio entscheiden kann. Da ich für mich persönlich den Begriff Nutzwert etwas großzügiger definiere, will ich nämlich von einem Fahrzeug nicht nur von A nach B transportiert werden, ich will auch möglichst viel Freude daran haben.

Wenn es politisch unkorrekt, heißt: richtig spaßig werden soll, miete ich mir einen Super Seven und tobe ich mich für ein paar tausend Kurvenkilometer in den Alpen aus. Oder auf einer Rennstrecke. Oder in einer Drift- und Slalom Challenge. Und da ich beruflich mit Automobilen zu tun habe, werden mir ab und zu die Schlüssel für ein neu vorzustellendes Testfahrzeug ausgehändigt, was meine Lust an alternativen Fahrerlebnissen zusätzlich befriedigt.

Für den privaten Nahverkehr steht übrigens ein kontinuierlich modellwechselnder Langzeitmietwagen vor dem Büro, den sich eine Kerntruppe von 4-5 Mitarbeitern teilt. Zwar lungert das Kompaktmobil trotz Mehrfachnutzung die Hälfte die Zeit unbewegt auf der Strasse herum, aber das ist immer noch weit besser als die geschätzten 90 Prozent, die ein privat genutzter Privatwagen zweckfrei vor sich hin parken würde.

All diesen nachvollziehbaren Argumenten zum Trotz: Der Verzicht auf ein eigenes Auto war keine bewusste Entscheidung, sondern ergab sich einfach durch das wachsende urbane Umfeld.

Heute drängen in diesen großstädtischen Ballungsraum weitere, innovative Nutzungsformen wie Bike- oder Car Sharing und treffen dort den Nerv der Zeit. Noch stehen diese alternativen Möglichkeiten der Fortbewegung am Anfang ihrer begrüßenswerten Existenz. Aber sie schaffen schon heute neue Perspektiven auf meine urbane Lebensweise und sorgen zusätzlich dafür, dass mir die Entscheidung, für welchen Zweck ich welches Transportmittel einsetze, immer leichter fällt. Eine Entscheidung, die ebenfalls weniger mit dem bewussten Verzicht auf das eigene Auto als mit einer Bereichung meiner mobilen Wahlfreiheit zu tun hat.

Darüber hinaus wird die Möglichkeit, ein privates Fahrzeug zu besitzen, auch in Zukunft Teil meines Lebens bleiben. Denn beim prognostizierten Ende der individuellen Motorisierung wird es wahrscheinlich so sein wie bei vielen prognostizierten Enden: Sie enden nicht wirklich. Das, was da enden soll, ändert sich nur, wird Teil einer wachsenden Vielfalt von Alternativen.

Natürlich ist das Thema Mobilität der Zukunft viel zu komplex, um es auch nur ansatzweise in einem Blogeintrag zu behandeln. Allein den Privatbesitz von Automobilen infrage zu stellen, hieße ja nicht nur den ganz persönlichen Lebensstil zu hinterfragen (Wie sieht er konkret aus? Hat er überhaupt Zukunft?), sondern unsere gesamte Wachstums-Ökonomie.

Was im Blog nicht geht, kann auf der persönlichen Ebene durchaus reizvoll sein: die Zukunftsfähigkeit der eigenen Lebensweise auf die Probe zu stellen, eigene Konzepte zu entwickeln und/oder von anderen bereits erdachte Handlungsalternativen aufzugreifen. Man könnte das auch angewandte Lebenskunst nennen.

Auch in diesem Punkt gebe ich Prof. Rammler recht. So lange wir im Umgang mit unserer Mobilität visionär, experimentierfreudig und offen bleiben für neue Wege, sind es auch wir, die bestimmen, wie wir uns auf diesen Wegen in Richtung Zukunft bewegen.

Und, vor allem, mit wie viel Spaß.