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„I don’t want a yacht. I want hugs.“ Über die seltsamen Gewinn-Erwartungen des Martin Morales.

Blick aus dem Hotelfenster: Wenn man genau hinschaut, entdeckt man das Andina ganz links unten, hinter dem roten Doppeldecker, an der Ecke Redchurch und Shoreditch High Street.

Blick aus dem Hotelfenster: Wenn man genau hinschaut, entdeckt man das Andina ganz links unten, hinter dem roten Doppeldecker, an der Ecke Redchurch und Shoreditch High Street.

Ein Montagstermin in London, wir übernachten irgendwo in Shoreditch. Hotelfrühstücke sind nicht so unser Ding, aber nur einen Scone-Wurf von unserer volldigitalisierten Schlafstätte entfernt entdecken wir ein kleines peruanisches Restaurant, dass dann gar nicht so klein ist, wie es von außen erscheint. Kurz London’s 10 Best Liste gegooglet, und siehe da: Das ANDINA entpuppt sich als Empfehlung Nr. 1.

Die wenigen Superfood-Frühstücker, von Marketing-Strategen als Young Urban Nomads identifiziert, sitzen vor Peruvian porridge (amaranth, orange zest, golden berries, figs, purple corn syrup) und starren konzentriert in ihre Powerbooks, iPads und iPhones. Nirgendwo brennt ein Samsung.

Wir finden einen netten Zweiertisch am Fenster, die Bedienung bringt uns zwei erstaunlich gute Kaffees. Eine eigene Mischung aus dem peruanischen Hochland, erklärt uns der sympathische Kellner auf Nachfrage, vollmundig, schokoladig, würzig, die feine Säure schön eingebunden. Dazu bietet er uns heiße Quinoa Milch an, sollten wir der Laktose-Unverträglichkeit frönen. Wenig später erscheinen vor uns zwei Teller mit absolut perfekt pochierten Eiern auf reifer Avocado und angeröstetem Sauerteigbrot, und auch der Spinat und die Pilze sind so einfach und so fantastisch gewürzt, dass wir nach dem Trick fragen.

Die Bedienung lacht und deutet auf ein Kochbuch an der Theke: CEVICHE von Martin Morales. Ceviche? Moment mal. Langsam dämmert es uns, gestern Nacht sind wir noch daran vorbei gelaufen. Das Ceviche in Soho, erst wenige Jahre alt und schon eine Pilgerstätte für Londons Kulinariker.

Während wir im Cookbook of the Year 2013 blättern, krault unser kulinarischer Betreuer in der offenen Küche den Nacken des Küchenchefs. Die liebevolle Geste, der man im stressigen Gastronomiebetrieb nur sehr, sehr selten begegnet, beantwortet so ganz nebenbei unsere unausgesprochene Frage, warum in diesem Restaurant eine so ungewöhnlich warmherzige Atmosphäre herrscht.

Diese Frage hätte uns auch der Mann beantworten können, der in diesem Moment das Andina betritt. Mit seinem bunten Rucksack auf dem Anorak sieht er aus wie ein freundlicher Tourist, ist aber der freundliche Autor des vor uns liegenden Kochbuchs. Während das gesamte Team begrüßt wird, macht unser kraulender Kellner, den wir mittlerweile fest ins Herz geschlossen haben, seinen Chef auf die inquisitorischen Gäste aus Berlin aufmerksam.

Irgendwann sitzt Martin Morales bei uns am Tisch, und was dann folgt, ist eines der interessantesten Gespräche, das wir jemals mit einem Restaurantchef geführt haben. Oder genauer: Mit einem Restaurantchef, Koch, Marketingmann, DJ, Label-Mitinhaber, Charity Board Member, Galerist und Autor in einer Person.

Mit wenigen Worten löst sich Martin Morales aus der Umklammerung des Klischees, das ich dem erfolgreichen Gastronomen bereits in der ersten Minute übergestülpt habe. Ja, er habe mit Steve Jobs gearbeitet, war Gründungsmitglied von iTunes und jüngstes Vorstandsmitglied von Disney Music, aber das heißt noch lange nicht, dass er ein reicher Mann wäre, der sich mit früh gescheffelten Millionen nun das trendige Hobby Koch & Restaurantchef leisten kann. Im Gegenteil. Aus seinem Hausverkauf blieben ihm 100.000 Pfund, die er komplett in das CEVICHE gesteckt hat, und deshalb ist die Wohnung, in der er lebt, gemietet. So what? Er muss keine Reichtümer anhäufen, um glücklich zu sein, sagt er, und ein paar herzliche Umarmungen sind ihm lieber als eine Yacht.

Ich lache, doch Martin Morales ist es ernst.

Vielleicht weigert sich der kleine Zyniker in mir, Nächstenliebe, Demut und Bescheidenheit in der Person eines erfolgreichen Unternehmers, der sich zudem noch gut verkaufen kann, zu erkennen und anzuerkennen. Vielleicht ist Martin Morales seltsam, vielleicht ist es nur seine Weltsicht. Oder vielleicht weiß ich einfach zu wenig über sein Leben. Nur dass es ihn mit Sicherheit geprägt hat, als er mit elf Jahren Peru verlassen musste, weil sein Vater von Guerillas des „Leuchtenden Pfads“ bedroht wurde (später wurde Martin in Mexiko gekidnappt, aber das ist eine andere Geschichte). Und mit ebensolcher Sicherheit kann man wohl behaupten, dass man nach solchen Erlebnissen eine ganz eigene Einstellung zum Thema Freiheit entwickelt.

Die Zeit verfliegt. Während die Nachbartische fürs Lunch eingedeckt werden, diskutieren wir noch immer über unsere persönlichen Definitionen von Erfolg, über den Unterschied zwischen der seiner Meinung nach überbewerteten Happiness und dem sinnvolleren Content (Zufriedenheit), über Moral und die gesellschaftliche Verpflichtung, die man als Unternehmer trägt.

Als Teenager hat Martin Morales sein Geld als Küchenhilfe, als Kellner und hinter der Bar verdient, später, während des Studiums, als international gefragter DJ. Seine „Global Kitchens“ sind Legende: Pop-Up-Events, in denen er gleichzeitig gekocht und aufgelegt hat.

Sich selbst bezeichnet der leidenschaftliche Koch und Musikliebhaber nicht als Unternehmer, sondern als freien Kreativen, als jemanden, der die Freiheit besitzt und nutzt, jede Idee, die ihn beschäftigt, auch in die Tat umsetzen zu können. Ob er kulinarische und künstlerische Events initiieren, Kochbücher schreiben, Restaurants oder Galerien eröffnen oder peruanischen Waisenkindern ein neues Zuhause geben will, Martin Morales steuert mit bewundernswerter Energie und „loving care“ auf seine Ziele zu.

Loving Care, diesen Leitsatz hatten ihm seine peruanischen Großtanten, bei denen er als kleiner Junge das Kochen gelernt hat, schon früh mit auf den Weg gegeben, und dieser Maxime folgt er noch heute. Das ist auch der Grund, warum Martin Morales die überschaubaren Gewinne aus seinen Restaurants nicht in eine Yacht stecken wird. Nicht, dass ihm Gewinn egal wäre, dazu ist er zu sehr Kaufmann. Nur investiert er das Geld lieber in die gute Entlohnung seiner guten Mitarbeiter, in seine Hilfsorganisation, in die Förderung peruanischer Künstler, die Publizierung peruanischer Musik und nicht zuletzt in seine Mission, die Botschaft der peruanischen Küche weit hinaus in die Welt zu tragen.

Blick ins Buch.

Blick ins Buch.

Es ist spät geworden, wir haben einen Termin und müssen los. Das Kochbuch wechselt den Besitzer, und Martin Morales macht zum Abschied das, was offensichtlich seinen ganzen Angang ans Leben ausdrückt: Er umarmt uns herzlich.

http://www.andinalondon.com/shoreditch